29.5.2026 (ca)
Über „Narrative“, also sinnstiftende Erzählungen oder Geschichten, hatten wir vor kurzem in unserer untenstehenden Aktuellen Meldung „Zwischen Baufeld und ‚Narrativ‘: Wie Augsburg über die Zukunft des Klinikums diskutiert“ (21.5.2026) kritisch berichtet. Denn mit dem Narrativ einer prosperierenden und gemeinwohldienlichen „Medical City“ (oder gar einem „Medical Valley“) möchte die neue Augsburger Stadtregierung offenbar den problematischen Uniklinik-Neubau befördern, allerdings vorbei an der brisanten Faktenlage betreffend insbesondere Ökologie, Infrastruktur und Belange der unmittelbaren Anwohner rund um den Neubau. Ein analoges Beispiel eines Narrativs zeigt sich nun bei der KJF Klinik Josefinum in Augsburger Stadtteil Oberhausen, welche seit geraumer Zeit immer umfänglicher ausgebaut wird. Darüber berichtet die Augsburger Allgemeine Zeitung im aktuellen Beitrag „Sie leben mit einer Dauerbaustelle“ (vom 28.5.2026, Ausgabe-Nr. 120, S. 28 nebst Kommentar) wie folgt:
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„Seit 17 Jahren entsteht in Oberhausen faktisch ein von Grund auf neues Krankenhaus. Das hat Folgen für Anwohner und Händler – doch wirklich beschweren will sich trotzdem niemand. […] Am bestehenden Gebäude bereits saniert wurden etwa Stationen für Kinder- und Jugendmedizin, der OP-Bereich, Kreißsäle, das Labor und die Küche. Bis zum Abschluss der Arbeiten sollen unter anderem noch weitere Stationen entstehen. Für den letzten „Bautakt“, wie es heißt, hat die Trägerin des Krankenhauses, die katholische Jugendfürsorge (KJF), die Kapellenstraße auf einer Strecke von gut 150 Metern sperren lassen, seit Jahren schon. Anders wäre die Maßnahme vermutlich auch gar nicht zu bewältigen; Bagger, Baufahrzeuge, Kräne, Container, Kabelrollen und andere Materialien brauchen viel Platz. […] Cahit Maras wohnt direkt beim Josefinum, er betreibt hier auch zusammen mit seiner Frau Nurhayat ein Café, das türkische Speisen anbietet, „Linas Gözleme“ ist ein beliebter Treffpunkt im Viertel. Die Baustelle, sagt der 59-Jährige, habe ihm im Laufe der Jahre Nachteile gebracht, aber auch viele Vorteile. Es konnte zuweilen ungemütlich und laut werden, etwa vor ein paar Monaten, als in der Straße Fernwärmeleitungen verlegt wurden und zusätzlich Arbeiten für einen neuen Parkplatz des Krankenhauses liefen, nur ein paar Meter vom Café entfernt. Doch Maras will sich nicht beklagen, durch das Josefinum kommt viel Kundschaft rein: Patienten, Angehörige, Personal – aber auch Handwerker, die an der Sanierung mitwirken. Manche von ihnen haben sich zu Stammkunden entwickelt. Maras weiß, wo sie herkommen, wie lange sie schon in Augsburg beschäftigt sind. […] Tatsächlich hält sich der Ärger über die fast zwei Jahrzehnte andauernde Baumaßnahme im Umfeld in Grenzen. Vielleicht, weil zu eindeutig ist, welche Bedeutung das Josefinum für den Stadtteil hat. Vielleicht aber auch, weil die Folgen der Arbeiten für die direkte Nachbarschaft überschaubar sind. Trotz der immensen Ausmaße der Baustelle lassen sich ihre Auswirkungen offenbar gut verkraften, selbst für Leute, die nur ein paar Meter daneben wohnen. „Wir haben es uns schlimmer vorgestellt“, sagt ein Mann, dessen Wohnung quasi direkt neben dem Josefinum steht. Eine Frau, deren Haus ebenfalls in unmittelbarer Nähe zur Baustelle liegt, sagt, es sei natürlich „etwas unangenehm“. Der Lärm, die Sperrung der Kapellenstraße. „Wir sind froh, wenn es vorbei ist“, sagt die Frau – aber beklagen wolle sie sich auch nicht. Und inzwischen ist ja auch ein Ende absehbar. Zuletzt ging eine neue Kältezentrale in Betrieb, es entstanden weitere Parkplätze, demnächst soll es ein kleines Fest geben, Anlass: die „feierliche Eröffnung der neuen Eingangshalle“ und die „Weihe der neuen Hauskapelle“. Es geht voran. Bis Ende 2026 sollen die Arbeiten noch andauern, das ist der letzte Stand.“
Den gesamten Beitrag online lesen unter:
https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg/wir-sind-froh-wenn-es-vorbei-ist-wie-anwohner-in-augsburg-mit-dieser-dauerbaustelle-umgehen-114284031
Im Kommentar zum Artikel merkt der AZ-Autor Jan Kandzora zunächst an: „Würde das Josefinum heute noch einmal neu beantragt und gebaut – vermutlich käme kein Mensch auf den Gedanken, es mitten in Oberhausen in ein Wohngebiet zu setzen. Die größte Geburtsklinik des ganzen Freistaats, direkt neben zwei Schulen, direkt neben einer Kirche, neben Mehrparteienhäusern, Geschäften, einer Bar, einem Café? Eine eher abwegige Idee bei einem Neubau. Man würde die Klinik eher irgendwo auf die grüne Wiese hinbauen, mit unmittelbarem Anschluss an eine Bundesstraße oder die Autobahn und viel Platz für Parkplätze. […]“ – Das ist die Faktenlage.
Kandzora führt nun weiter aus, und das ist das Narrativ: „[…] Dass die Klinik steht, wo sie steht, hat für Oberhausen eine überragende Bedeutung. Das Josefinum ist für die medizinische Versorgung Augsburg wichtig und bietet über 1000 Menschen Arbeitsplätze, das ist das eine. Es ist aber auch schlicht eine Institution mit Strahlkraft. Viele, wenn nicht die meisten Bürgerinnen und Bürger der Stadt dürften hier auf die Welt gekommen sein. Für einen Stadtteil, der teils auch mit seinem Ruf zu kämpfen hat, ist das Josefinum ein Faktor, mit dem die meisten Menschen Positives verbinden. […]“ – Hier stellt sich jedoch die Frage, auf Basis welcher empirischen Erhebung der Autor zu dieser Kommentar-Aussage kommt. In seinem o.g. Artikel wird lediglich ein Geschäftsmann, ein Anwohner und eine Anwohnerin zitiert. Erforderlich ist unseres Erachtens bei solchen Großprojekten, so eben auch beim anstehenden Neubau der Uniklinik Augsburg, eine umfassende Raumverträglichkeitsprüfung im Vorfeld, bei welcher alle Argumente und Belange der verschiedenen Interessengruppen objektiv erfasst, bewertet und abgewogen werden. Siehe zu dieser Vorgehensweise und zur Faktenlage die Informationen unseres Allianzen-Mitglieds BUND Naturschutz Kreisgruppe Augsburg auf der Themenseite „Neubau Uniklinik Augsburg“ unter: https://augsburg.bund-naturschutz.de/uka